Sprache, Unterstützung, Zukunftspersperspektive: Wie die FH JOANNEUM ihre Türen für Ukrainer*innen öffnete

Birgit Hernády (Photo: Thomas Raggam, Schubidu Quartet)
Mit dem Beginn der russischen Invasion waren tausende Ukrainer*innen gezwungen, nicht nur Sicherheit, sondern auch neue Ausbildungsmöglichkeiten zu suchen. Die FH JOANNEUM, eine der größten Fachhochschulen Österreichs, wandelte ihre humanitäre Hilfe rasch in nachhaltige Bildungsprogramme um.
Wie entwickelte sich die Unterstützung und was waren die sich daraus ergebenden Herausforderungen aber auch die Perspektiven für die Zukunft?
„In jenen frühen Tagen handelten wir nicht als Institution – wir handelten einfach als Menschen. Wir wussten: Wir mussten etwas tun. Wir begannen humanitäre Hilfe, Kleidung und Medikamente für die Ukrainer zu organaisieren. Aber wir erkannten auch, dass das Wertvollste, was wir anbieten konnten, unser Fachwissen war. Wir haben über 20 Jahre Erfahrung in der Organisation von Deutschkursen – da konnten wir wirklich helfen. Also machten wir uns an die Arbeit und nutzten die Erfahrungen aus dem Jahr 2015, als wir erstmals ähnliche Kurse für Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan anboten“, erinnert sich Birgit Hernády.
Bildung als Rettungsanker: Über 1.000 Ukrainer*innen besuchten innerhalb eines Jahres Sprachkurse
Der erste Deutschkurs begann bereits zwei Wochen nach der Großoffensive- und zur Überraschung aller fand er in kürzester Zeit eine große Teilnehmerzahl. Ganze Familien kamen in die Hochschule: Eltern mit Schulkindern, junge Mütter, ältere Menschen.
Das Team setzte auf einen informellen und integrativen Ansatz – es waren keine offiziellen Dokumente oder Anmeldungen erforderlich. Das Ziel war eine sofort zugängliche Unterstützung, in der Hoffnung, dass sich eine offizielle Hilfe anschließen würde. Glücklicherweise verfügte das Team über einige finanzielle Mittel, die aus früheren Projekten zur Unterstützung von Flüchtlingen übrig geblieben waren.
„Es ging nicht nur um das Lernen. Es wurde ein Raum der Sicherheit und der menschlichen Verbindung. Viele Teilnehmer*innen kamen verzweifelt und verwirrt an. Wir mussten uns neue Lösungen einfallen lassen, denn es war unmöglich, tausend Menschen in unseren regulären Lehrplan zu integrieren – das war eine ganz andere Situation.
Ich erinnere mich genau an das Datum – der 10. März war unsere erste Sitzung. Von da an gab es jede Woche neue Kurse und neue Leute. Der Strom riss nie ab. Wir mussten ständig umorganisieren und fanden kaum Zeit zum Nachdenken – wir handelten einfach nur.
Besonders berührt haben mich die älteren ukrainischen Frauen – einige von ihnen waren schon über 80 -, die weder Deutsch noch Englisch sprachen. Unsere Kurse waren also nicht wie typische Universitätskurse. Wir schufen einen Raum, in dem sie für einen Moment vergessen konnten, was gerade passierte. Dort konnten sie Kaffee trinken, mit anderen reden, lernen, wie man hier lebt, wie man im örtlichen Laden einkauft. Es war ein sicherer Ort, an dem sie etwas erfahren konnten, aber ohne Druck.
Die meisten dieser Menschen sind inzwischen von Graz in kleine Städte und Dörfer gezogen, wo die Integration in die örtliche Gemeinschaft zum Schlüssel wurde. Heute führen wir diese speziellen Kurse nicht mehr durch“, sagt Frau Hernády.
Die FH JOANNEUM stellte alles Notwendige zur Verfügung – von den Lehrkräften (von denen viele selbst Slawistik studiert hatten) über Lehrbücher und offizielle Zertifikate bis hin zur psychologischen Betreuung. Die Sprachkurse reichten von Grundkenntnissen bis zur ÖSD (Österreichisches Sprachdiplom Deutsch)-Prüfungsvorbereitung. Parallel dazu passte die Hochschule ihre Zulassungsverfahren an, so dass ukrainische Studierende ihre Ausbildung in Österreich fortsetzen oder ihre Qualifikationen anerkennen lassen konnten.
Wer wurde Student*in an der FH JOANNEUM, wieviele Ukrainer*innen hatten bereits an der Fachhochschule studiert und welche waren die bevorzugten Studienrichtungen?
„Die ukrainischen Studierenden sind in einer Vielzahl von Studiengängen inskribiert – von IT über technische Disziplinen bis hin zu Design und Medien. Was mich am meisten beeindruckt, ist ihre Motivation. Sie überwinden nicht nur die Sprachbarriere, sondern bringen oft auch einen sehr guten akademischen Hintergrund mit.
Bereits 2015 hatten wir ein einfaches und zugängliches Bewerbungsverfahren für Bewerber mit Flüchtlingshintergrund eingeführt, das auch sofort für Ukrainer genutzt werden konnte. Wenn sie ihre Dokumente hatten – großartig; wenn nicht, akzeptierten wir Kopien oder inoffizielle Versionen. Für die Fälle, in denen Dokumente gänzlich fehlten, hatten wir ein System zur Anerkennung der Vorkenntnisse durch Interviews und Tests. Die Programmleiter bewerteten den Wissensstand der Studierenden durch Gespräche oder schriftliche Beurteilungen und gaben ihnen die Möglichkeit zu studieren“, erklärt Frau Hernády.
Hatten die ukrainischen Studierenden Schwierigkeiten, sich an das österreichische Bildungssystem anzupassen?
„Der Hauptunterschied lag im Schulsystem selbst: In der Ukraine dauert die Schulausbildung 11 Jahre, während sie in Österreich 12 Jahre dauert. Daher mussten einige Studierende zusätzliche Prüfungen ablegen, um dieses eine Jahr zu kompensieren. Aber das waren nicht immer Prüfungen in Mathematik oder Physik – wir wissen, dass die ukrainische Ausbildung in diesen Bereichen sehr gut ist. Häufig handelte es sich um Prüfungen in Deutsch oder Englisch“.
Wie hat sich Ihre Unterstützung für die Ukrainer*innen im Laufe der Zeit verändert?
„Etwa eineinhalb Jahre nach Beginn des Krieges haben wir die speziellen Sprachprogramme für Ukrainer*innen abgeschlossen und in den regulären Unterricht integriert. Wir wollten ihren Flüchtlingsstatus nicht betonen – sie sind Studierende wie alle anderen auch.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Ukrainische Studierende, die sich für Bachelor- oder Masterstudiengänge einschreiben, sind von den Studiengebühren befreit – genau wie andere Studierende mit Flüchtlingsstatus. Dies war eine Grundsatzentscheidung der Hochschulleitung. Im Gegensatz dazu betragen die üblichen Studiengebühren für Studierende aus Drittstaaten etwa 1.500 Euro pro Jahr“, sagt Birgit Hernády.
Einige Studierende absolvierten Studiengänge, die sich auf akademische Fähigkeiten, Deutsch als Fremdsprache für technische Bereiche (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) und die Anpassung an das österreichische Bildungssystem konzentrierten.
Ukrainische Studierende haben auch die Möglichkeit, an Deutsch-Intensivkursen teilzunehmen, die im Rahmen des europäischen Erasmus+Programms angeboten werden. Im Juli dieses Jahres brachten die zweiwöchigen Kurse ukrainische Akademiker*innen und junge Menschen von verschiedenen Universitäten zusammen. Sie konnten nicht nur ihre Sprachkenntnisse verbessern und einen vertiefenden Einblick in die österreichische Kultur gewinnen, sondern auch kurz der harten Realität des Krieges entfliehen.
Wie viele ukrainische Studierende studieren derzeit an der FH JOANNEUM?
„Vor 2022 hatten wir fast keine ukrainischen Studierenden. Jetzt sind rund 30 Ukrainerinnen und Ukrainer immatrikuliert und für das im September beginnende Studienjahr wurden 10 weitere aufgenommen. Insgesamt werden wir also etwa 40 Studierende aus der Ukraine haben. Die meisten von ihnen haben vor der Immatrikulation unsere Deutschkurse abgeschlossen.
Wir haben kein separates Programm speziell für Ukrainer*innen eingerichtet. Stattdessen haben wir einen vorbereitenden Deutschkurs angeboten, der die Grundlage für ein Hochschulstudium bildet. Die meisten Ausbildungsprogramme setzen mindestens das Niveau B2 voraus, einige sogar C1. Die Studenten beginnen also auf A2-Niveau, lernen ein Jahr lang und schließen mit einem zertifizierten B2-Niveau (ÖSD-Prüfung) ab.
Aber das ist nicht ausreichend – eine Sprache auf allgemeinem Niveau zu beherrschen bedeutet noch nicht, dass man den Anforderungen der Hochschule gewachsen ist. Deshalb bieten wir auch Unterricht für akademische Fähigkeiten an: wie man wissenschaftliche Texte liest, Aufsätze schreibt und Präsentationen auf Deutsch hält. Dies hilft den Studierenden, nicht nur die Sprache zu lernen, sondern sich voll in den akademischen Prozess einzubringen.
Unterstützung als Teil der Mission: Was kommt als nächstes? Planen Sie, die Unterstützung für ukrainische Studierende in den kommenden Jahren fortzusetzen oder auszubauen?
„Auf jeden Fall. Wir sind sehr an ukrainischen Studierenden interessiert, denn die Erfahrung hat gezeigt, dass sie unglaublich motiviert und akademisch stark sind. Generell schätzen wir internationale Studierende – wir glauben, dass eine Universität ohne ein internationales Umfeld nicht vollständig ist. Aber die Zusammenarbeit mit Ukrainer*innen fällt uns besonders leicht. Wir haben ein gemeinsames europäisches kulturelles Fundament, ähnliche Werte und sogar eine gewisse sprachliche Verwandtschaft.
Die meisten Ukrainer*innen beherrschen die englische Sprache gut und lernen schnell Deutsch. Nennenswert ist, dass sie sehr leistungsfähig sind. Beispielsweise sind unsere Ingenieur- und IT-Studiengänge sehr anspruchsvoll, aber die ukrainischen Studierenden meistern sie außergewöhnlich gut. Trotz des Stresses und der Angst um ihre Angehörigen, die immer noch in Gefahr sind, geben sie sich große Mühe und erzielen beeindruckende Ergebnisse. Das ist es, was uns am meisten bewegt. Deshalb wollen wir sie auf jeden Fall weiter unterstützen“, sagt Frau Hernády.
Es geht nicht nur um Anpassung, sondern um Bereicherung: Die Universität bemerkt bereits den positiven Einfluss der ukrainischen Studenten auf die internationale Atmosphäre.
„Das Wichtigste ist zweifelsohne die Sprache. Auch wenn man auf Englisch studiert, muss man Deutsch können, um das Land, seine Kultur und Mentalität wirklich zu verstehen. Es erleichtert die Kommunikation und das tägliche Leben und hilft, Missverständnisse zu vermeiden, die oft entstehen, wenn beide Seiten eine andere Sprache sprechen.
Ich würde mir wünschen, dass die Österreicher mehr Fremdsprachen lernen – auch Ukrainisch. Aber eine gemeinsame Plattform findet man in erster Linie über die deutsche Sprache. Deshalb empfehle ich wirklich, diese Sprache zumindest auf einem Grundniveau zu lernen.
Selbst wenn jemand beschließt, in die Ukraine zurückzukehren, werden Deutschkenntnisse nützlich bleiben. Sie werden immer eine Brücke zwischen der Ukraine und Österreich sein. Und wenn die Ukraine Teil der EU wird, ist jede neue Sprache nur ein zusätzlicher Vorteil.“
Text: Olha Volynska
