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Vertrieben-aber sichtbar: Wie ukrainische Künstler*innen ihre Präsenz in Österreich neu gestalten

Für viele ukrainische Künstler*innen wurde die österreichische Kunstszene zunächst zum Ort einer erzwungenen Pause: ohne vertraute Institutionen, ohne klare Regeln oder Sprachkenntnisse. Doch gerade aus dieser Unsicherheit entstanden neue Netzwerke: gegenseitige Unterstützung, das Teilen von Ressourcen, Solidarität und Gemeinschaftsprojekte. In Summe wurde eine neue Ebene für künstlerische Präsenz geschaffen.

Im Laufe von vier Jahren erzwungener Migration haben die meisten dieser Künstler*innen Deutsch gelernt und begonnen, sich selbstbewusster in die lokalen Kunstszenen zu integrieren. Auch wenn diese Umgebung bei weitem nicht perfekt ist, geprägt von neuen Herausforderungen und unterschiedlichen Anpassungsgeschwindigkeiten, hat sie neue Möglichkeiten und neue Formen der Sichtbarkeit eröffnet. Ukrainische Künstler*innen integrieren sich nicht nur in die Kunstszene, sie gestalten sie auch aktiv durch neue Themen, ihre gelebten Erfahrungen und Art und Weisen, diese zu interpretieren.

In diesem Artikel untersuchen wir, wie ukrainische Künstler*innen, die nach der Großoffensive im Jahr 2022 nach Graz und Klagenfurt kamen, ihre Präsenz durch die vorhandenen und neu formierten Netzwerke aufbauen. Wie Sichtbarkeit in einer ungewohnten Umgebung entsteht und welchen Preis sie hat, haben wir von der bildenden Künstlerin Elmira Shemsedinova, der Theaterregisseurin Vladyslava Chentsova und der Kulturmanagerin Marsel Osovka erfragt.

Unsere Aufgabe ist es, eine Sprache für schwierige Gespräche über den Krieg zu finden

Vladyslava Chentsova kam eher zufällig nach Graz, nachdem sich ihr die Gelegenheit bot, an einem Theaterprojekt mitzuarbeiten, das eine Reaktion auf die russische Invasion darstellte. Die aus Kharkiv stammende Künstlerin hat ihr Studium an der Universität der Künste abgeschlossen und arbeitet heute als Regisseurin, Schauspielerin und Puppenspielerin, wobei sie Theater mit dokumentarischen Erzählstrukturen verbindet.

Eines ihrer beeindruckendsten Werke in Graz war die Performance „I SHE HER“, die auf realen Geschichten ukrainischer Frauen basiert. In diesem Stück erforscht sie Themen wie weibliche Identität und Resilienz und zeichnet Erfahrungen aus Kindheit, Erwachsenwerden, Mutterschaft und Reife vor dem Hintergrund tiefgreifender persönlicher und gesellschaftlicher Veränderungen nach.

In Graz musste Vladyslava, wie viele andere Künstler*innen auch, ganz von vorne anfangen: vom Erlernen der Sprache und der Suche nach ihrem Platz in einer neuen Umgebung bis hin zur Inszenierung von Performances auf Deutsch und der Durchführung von Workshops für das lokale Publikum.

Vladyslava, wie gefällt es dir in Graz?

Es fällt mir immer noch schwer, ganz zu akzeptieren, dass ich in Graz lebe. Ich bin eher zufällig hierher gekommen: es ergab sich die Gelegenheit, eine Performance zu inszenieren, um das Thema der russischen Invasion stärker ins Bewusstsein zu rücken. Mein Partner leistet Militärdienst, und ich versuche, von Zeit zu Zeit in die Ukraine zurückzukehren. Auch wenn ich nun schon fast vier Jahre hier lebe, Arbeit und soziale Kontakte habe, kann ich nicht sagen, dass ich mich hier ganz zu Hause fühle. Aber das ist eher ein inneres Gefühl als eine objektive Realität.

Bist du als ukrainische Künstlerin auf Stereotypen oder Erwartungen gestoßen?


Insgesamt hatte ich das Glück, sehr offene und hilfsbereite Menschen kennenzulernen. Sie halfen mir nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten: Sie eröffneten mir neue Arbeitsmöglichkeiten, erklärten mir, wie die Institutionen in Graz funktionieren, halfen mir bei Förderanträgen und unterstützten mich beim Sprachenlernen.

Wie hat das österreichische Publikum auf deine Performance „I SHE HER“ reagiert?

Es fiel mir zu diesem Zeitpunkt schwer, die Reaktion des Publikums einzuschätzen, da mein Deutsch im Jahr 2024 noch nicht gut genug war. Sprachbarrieren sind auch heute noch eine Herausforderung. Gleichzeitig sagten viele Besucherinnen, dass solche Gespräche dringend notwendig sind und derzeit fehlen. Es ging nicht nur um den Krieg, sondern um die Erfahrungen von Frauen im weiteren Sinne und die Herausforderungen, denen Frauen unabhängig von ihrer Nationalität ausgesetzt sind.

Warum war es dir wichtig, über die Erfahrungen von Frauen zu sprechen?

Es war eine schwierige Zeit. Es fiel mir schwer, zum Theater zurückzukehren, weil ich das Gefühl hatte, dass es die harte Realität des Krieges nicht ändern könnte. Es war sogar ein Art innerer Ablehnung; der Wunsch nach radikaleren und konkreteren Maßnahmen. Doch gleichzeitig wurde mir klar, dass das Theater Teil meiner Identität ist. Ich stand in ständigem Austausch mit anderen Frauen, auch wenn wir in verschiedenen Ländern lebten. Es entstand eine Art Selbsthilfegruppe. Daraus entstand die Idee, über unsere Erfahrungen zu sprechen; sowohl untereinander als auch mit anderen.

Welche Formen der Unterstützung funktionieren für dich persönlich am besten?

Das ist sehr individuell. Für mich zählt die Vielfalt. Nicht nur über das Trauma zu sprechen, sondern auch Stärke durch Kunst auszudrücken. Als Künstlerin ist es wichtig, dass das lokale Publikum uns nicht als aus einem „drittklassigen“ Land stammend wahrnimmt. Darum ist es mir wichtig, meine Arbeit zu teilen und unsere Stärken hervorheben. Es bedeutet mir auch viel, wenn mir keine Kooperationen mit russischen Künstler*innen angeboten werden. Das zeigt, dass das Gegenüber den Kontext versteht.

Gab es die Erwartung, dass du nur über den Krieg sprechen würdest?

Eher das Gegenteil : Oft wird erwartet, dass man nicht über den Krieg spricht. Mir scheint, dass Menschen, die keinen Krieg erlebt haben, lieber nicht darüber sprechen wollen, weil dies sonst die Illusion zerstören würde, dass der Krieg nicht präsent ist. Gleichzeitig glaube ich, dass es unsere Verantwortung ist, eine Sprache für solche Gespräche zu finden. Wir können nicht mehr so über den Krieg sprechen wie am Anfang.

Was bedeutet es für dich, in einem anderen Land sichtbar zu sein?

Es bedeutet, Teil der Kunstszene zu sein, dieses vielfältigen Geflechts aus Kulturen. Es ist eine ziemlich komplexe Frage, wer genau diese Sichtbarkeit schafft. Aber ich glaube, dass die große Stärke in der Gemeinschaft der Künstler*innen und in der gegenseitigen Unterstützung liegt. Der Austausch von Ressourcen, gemeinsame Initiativen und die Möglichkeit, sich um Fördermittel zu bewerben, sind allesamt notwendig.

Welche Veränderungen hast du in diesen vier Jahren durchgemacht?


Ich habe viele Phasen durchlaufen, in denen ich mich im Kontext des Krieges neu überdacht habe. Ein wichtiger Moment war die Distanzierung von der russischen Kultur, was mir half, zu verstehen, wer ich bin, wer die Ukrainer*innen sind und welche Kultur und Kunst hinter uns stehen. Das hat mir ermöglicht, meine Identität besser zu begreifen. Am Anfang herrschte ein Gefühl der Lähmung, viele Dinge liefen fast automatisch ab. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich die Kunst machen kann, die ich liebe und verstehe, und das auch schon auf Deutsch.

Woran arbeitest du gerade?

Am 9. und 10. April findet im Theater am Lend die Premiere meiner neuen Performance „Alles nur da oben“ statt. Es ist eine deutschsprachige Inszenierung für Kinder und Erwachsene.

Geht es in dieser Performance nicht mehr um den Krieg?

Ich habe das Gefühl, dass alles, was ich mache, auf die eine oder andere Weise mit dem Krieg zu tun hat. Wenn schon nicht direkt, dann metaphorisch. Meine Erfahrungen und meine Identität sind durch den Blick dieser Linse geschärft. Ich verstehe, dass für manche Menschen eine Performance für Kinder über die innere Welt vielleicht nichts mit Krieg zu tun hat. Aber für mich geht es um das Bild des Kindes als Bild der Zukunft: etwas, das wir schützen müssen. Daher handeln auch Geschichten, die mit Themen wie Zukunft, Verantwortung und Fürsorge verbunden sind, für mich vom Krieg. Vielleicht wird uns diese Erfahrung für immer begleiten. Sie hat mich tiefgreifend verändert. Es war ein harter Abschied von der Naivität, von einem Zustand, den man Kindheit nennen könnte.

In Graz gibt es eine starke öffentliche Nachfrage nach Kunst und eine lebendige Tradition, diese zu fördern

Elmira Shemsedinova kam nach Graz, nachdem sie aufgrund der anhaltenden russischen Angriffe gezwungen war, Kiew zu verlassen. Als Künstlerin krimtatarischer Herkunft beschäftigt sie sich mit den Themen Erinnerung, Verlust und Identität. Sie hat zahlreiche Einzelausstellungen realisiert, von denen „Tense Horizon“ in Graz entstand und die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums auf sich zog.

Elmira ist Künstlerin in vierter Generation. In ihrer Malerei und Grafik kehrt sie immer wieder zu den Themen Krim, Vertreibung der Krimtataren und der Kontinuität einer Kultur zurück, die trotz des Verlusts der Heimat fortbesteht. Nach ihrer erzwungenen Übersiedlung gelang es ihr, sich in die lokale Kunstszene zu integrieren und enge Verbindungen sowohl zu ukrainischen als auch zu österreichischen Künstler*innen aufzubauen.

Elmira, was hilft ukrainischen Künstler*innen dabei, sich in Graz einen Namen zu machen?

Meiner Meinung nach ist Graz ziemlich einzigartig darin, wie es Künstler*innen unterstützt und neue Kooperationen fördert. Von Anfang an bildete sich rund um Office Ukraine Graz eine große Künstler*innengemeinschaft. Office Ukraine startete ein Mentorenprogramm: Jeder Künstler wurde einem Mentor, einer Mentorin zugewiesen. Ich würde sogar sagen, nicht nur einem Mentor, sondern einem Freund innerhalb der lokalen Künstlergemeinschaft. Und die ausgewählten, etablierten Künstler*innen mit ihren Ausstellungserfahrungen waren sorgfältig für die jeweiligen Künstler*innen ausgewählt. So lernte ich die Künstlerin Isa Riedl und Franz Konrad kennen, dessen Atelier ich auf gemeinschaflicher Basis nutzen konnte. Isa stellte mich Galerien vor und erklärte mir, wie die lokale Szene funktioniert. Was ich wirklich schätze, ist das Bemühen, in Graz ein Umfeld zu schaffen, wo man Leute besuchen, kennenlernen, ihre Ateliers besichtigen und neue Dinge erleben kann, ohne sich als Außenseiterin zu fühlen.

Wurde deine künstlerische Praxis nach deinem Umzug nach Graz unterbrochen?


Nein, ich habe meine künstlerische Tätigkeit nicht eingestellt. Seit 2013 hat sich in meiner Arbeit aber spürbar verändert. Damals schuf ich eine große Serie, die der Krim gewidmet war. Durch dieses Thema lernten viele Menschen meine Arbeiten erstmals kennen. Es waren Werke über den Verlust der Heimat und über Identität, insbesondere die Identität der Krimtataren. Aber erst in Graz habe ich zum ersten Mal echte Unterstützung gespürt. Hier habe ich gemeinsam mit einem Kurator meine erste Einzelausstellung, „Tense Horizon“, realisiert. Sie wurde durch ein dreimonatiges Stipendium des Kulturministeriums unterstützt, das ich zweimal erhalten habe. Bei beiden Gelegenheiten konnte ich umfangreiche Projekte realisieren, die in Österreich präsentiert wurden.

Spürst du als Künstlerin in Graz Konkurrenz?

In Graz gibt es etwa dreißig Galerien, was für eine Stadt dieser Größe bemerkenswert ist. Im Vergleich dazu gibt es in Kyiv etwa zehn aktive Galerien, während es in Kharkiv trotz seiner Größe nur zwei gab. In Lviv sind es etwas mehr, aber immer noch nicht genug. In Graz hingegen herrscht ein ganz eigenes Mikroklima, in dem Galerien aktiv agieren. Das hat mich zutiefst beeindruckt. Und als wir letztes Jahr zum ersten Mal an den Galerientagen teilnahmen, war das für mich sehr bedeutsam. Hier fühlte ich mich wirklich als Teil einer Gemeinschaft: einer ukrainischen Gemeinschaft, die sich in die österreichische integriert. Das habe ich in Kyiv nicht erlebt, wo die Unterstützung weitaus geringer war. Ich verstehe, dass die aktuelle Situation durch den Krieg geprägt ist, aber insgesamt gibt es in Graz eine starke öffentliche Nachfrage nach Kunst und eine lebendige Tradition, diese zu fördern.

Hast du hier deine Nische gefunden?


Ich würde sagen, ich bin noch dabei. Ich kann nicht behaupten, dass ich meine Nische auf dem Markt bereits vollständig gefunden habe, da ich immer noch versuche zu verstehen, wie die Dinge hier funktionieren. Wir als ukrainische Künstler*innen unterscheiden uns schon darum von den österreichischen, weil wir aus einem postsowjetischen akademischen Umfeld stammen. Ich habe eine sehr solide akademische Ausbildung, wie viele meiner Kolleg*innen auch. Als Malerin habe ich das Gefühl, dass dies in Graz fehlt, da die Malerei hier nicht sehr präsent ist. Zeitgenössische Kunst ist stark vertreten, in verschiedenen Formaten, mal breiter, mal eher nischenorientiert , aber die Malerei ist meiner Meinung nach unterrepräsentiert. Ich habe also das Gefühl, dass ich etwas mache, das in diesem Kontext relativ selten ist.

Bleibt das Thema Krieg in deinem Werk präsent, obwohl allgemein erwartet wird, dass man sich davon abwendet?


Wir können das Thema Krieg nicht einfach aus unserem Hintergrund ausblenden. Es wird uns noch lange begleiten. Gleichzeitig ist dieser Diskurs tatsächlich von einer gewissen Ermüdung geprägt. Das österreichische Publikum erwartet eher Werke, die sich mit universellen, menschlichen Anliegen sowie mit feministischen und ökologischen Themen befassen. In meinem Werk gibt es keine direkte Darstellung des Krieges. Stattdessen setze ich mich mit Themen wie Trauma, transgenerationalem Gedächtnis und Ereignissen auseinander, die uns geprägt haben. Es gibt viele innere Resonanzen, die mit dem Schicksal der Krimtataren verbunden sind, da die Krim das erste von Russland besetzte Gebiet war. Meine Familie verlor das von meinem Großvater erbaute Haus, und dieser Verlust spiegelt sich in meiner Arbeit wider. Ein wesentlicher Teil meiner künstlerischen Praxis ist daher mit der Krim verbunden. Ich bemerke auch, dass dieses Thema für das europäische Publikum nach der Annexion der Krim zunehmend an Bedeutung gewonnen hat.

Was macht die Sichtbarkeit ukrainischer Kunst in Graz möglich?


Die Sprache, ohne Frage. Als klar war, dass ich in Graz bleiben und meine Arbeit hier weiterentwickeln wollte, wurde mir bewusst, dass Deutsch unverzichtbar ist. Es eröffnet Künstler*innen neue Möglichkeiten. Allgemeiner formuliert: unsere Sichtbarkeit entsteht größtenteils durch kollektive Initiativen und Kooperationsprojekte. Ein Beispiel ist die Ateliergalerie ZIEGEL, die von ukrainischen Künstler*innen gegründet wurde. Dieser Raum existiert nun seit zwei Jahren, und für uns ist es wichtig, nicht ausschließlich mit Ukrainer*innen zusammenzuarbeiten. Wenn wir uns mit Projekten österreichischer Künstler*innen oder Kurator*innen verbinden, bieten wir auch ihnen einen Platz.

Das ist etwas, das ich sehr schätze. Wir konzentrieren uns nicht nur auf uns selbst. Dank Office Ukraine Graz und allen, die uns unterstützen, haben wir bereits eine hohe Sichtbarkeit erreicht. Unsere Arbeit funktioniert nach wie vor als gemeinnütziger Verein, aber wir erhalten eine Atelierförderung vom Land Steiermark zur Deckung der Miete. Wir haben unsere eigenen Räumlichkeiten und organisieren zahlreiche Ausstellungen, Künstler*innengespräche, Workshops und Konzerte. Die Grazer Szene gewöhnt sich langsam an unsere Präsenz und besucht zunehmend unsere Veranstaltungen.

Man muss sich selbst Sichtbarkeit verschaffen. Warte nicht auf Erlaubnis.

Marsel Osovska ist eine 20-jährige Kulturmanagerin und Künstlerin aus Winnyzja. Derzeit studiert sie interkulturelles Management und integriert sich in der kulturellen Szene Kärntens. Sie begann als bildende Künstlerin und wandte sich nach und nach dem Kuratieren zu, wobei sie sich auf die Organisation von Projekten und die Schaffung von Möglichkeiten für andere Künstler*innen konzentriert.

In ihrer Arbeit beschäftigt sich Marsel mit den Themen Migration, Krieg und der Interaktion zwischen verschiedenen kulturellen Gemeinschaften. Sie möchte sich nicht nur in ein neues Umfeld integrieren, sondern darin auch Raum für den ukrainischen Diskurs schaffen.

Marsel, welchen Vorurteilen bist du in Österreich begegnet?


Als ich hier ankam, war ich 17. In diesem Alter machen die meisten gerade ihren Schulabschluss und beginnen ein Studium, daher war ich anfangs mit einigen Vorurteilen und etwas Misstrauen bei meinen Praktika und bei der Arbeit konfrontiert. Jetzt arbeite ich selbstbewusst in diesem Bereich, aber am Anfang wurde ich nicht ernst genommen. Es gibt auch kulturelle Unterschiede. Österreich ist zum Beispiel eine kontext-reiche Gesellschaft, in der viele Regeln und Normen unausgesprochen bleiben. Wenn man diese nicht entschlüsseln kann, kommt es zu Schwierigkeiten. Ukrainer*innen hingegen kommunizieren eher offen. Dieser Unterschied kann manchmal zu Missverständnissen führen.

Wie ist die Atmosphäre im kulturellen Umfeld derzeit? 


Mir scheint, dass Kunstinitiativen derzeit eher zusammenwachsen, anstatt miteinander zu konkurrieren. Der Mangel an Finanzmitteln hat tatsächlich zu größerer Solidarität geführt: unterschiedlichste Teams arbeiten zusammen. Selbst Menschen, zwischen denen es in persönlichen Beziehungen Spannungen geben mag, realisieren künstlerische Projekte zusammen. Es herrscht ein Bewusstsein darüber, dass es allen an Ressourcen mangelt, und daher versucht man, gemeinsam damit zurechtzukommen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Woran arbeitest du gerade?


Im Moment absolviere ich ein Praktikum in einem Kulturzentrum an der Universität in Klagenfurt. Außerdem entwickle ich eigene Projekte. Eines davon ist ein Ausstellungs- und Performance-Projekt, das wir gemeinsam mit dem Kurator Oleksandr Halishchuk gestalten „Ich habe mich in DACH verliebt“. Es untersucht die Beziehungen zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimischen. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem diese verschiedenen Gemeinschaften sowohl auf sozialer als auch auf persönlicher Ebene interagieren können. Es wird eine Ausstellung mit performativen Elementen sein, die den Dialog und das gegenseitige Verständnis zwischen verschiedenen Gemeinschaften in den Mittelpunkt stellt.

Verändert sich die Wahrnehmung des Krieges im kulturellen Umfeld?


Ich stelle eine gewisse Ermüdung beim Thema Krieg fest. Gleichzeitig nimmt die Präsenz russischer Kulturinhalte wieder zu. Russland wird unter jüngeren Zuschauern zunehmend romantisiert. Ich glaube, wir müssen noch lauter über den Krieg sprechen. Wir müssen neue kreative Ansätze und künstlerische Formen finden. Aber die Hauptaufgabe besteht jetzt darin, die russische Präsenz aus dem Informationsraum zu verdrängen. Für mich ist die Frage nicht, ob man über den Krieg sprechen soll, sondern wie man verhindert, dass er aus dem Blickfeld verschwindet.

Wurden Ihre Werke schon ausgestellt?

Ja, sie wurden zweimal in Gruppenausstellungen gezeigt. Außerdem hatte ich meine erste Einzelausstellung in Villach, im Kulturhof. Etwa ein Jahr nach meinem Umzug begann ich, über den Krieg zu malen; nicht über Vertreibung oder Migration, sondern über den Krieg selbst. Ich habe zum Beispiel ein Gemälde, auf dem ein Geist Hand in Hand mit einer russischen Atombombe durch die Stadt geht. Für mich steht das für die Vorstellung, dass mich die Spuren Russlands überallhin begleiten, wohin ich auch gehe. Man kann einen Menschen aus dem Krieg herausholen, aber man kann den Krieg nicht aus einem Menschen herausholen.

Was bedeutet es für dich, in einem anderen Land sichtbar zu sein?

Meiner Ansicht nach muss man sich seine eigene Sichtbarkeit schaffen. Wenn man keine Kontakte zu Menschen in den lokalen Gemeinschaften knüpft und sich kein eigenes Netzwerk aufbaut, wird das niemand für einen tun. Man muss nicht auf Erlaubnis warten oder um das Recht bitten, präsent zu sein. Man muss da sein, zeigen, wer man ist, mit anderen zusammenarbeiten und sich auf diese Weise einen Namen machen.

Was sind die größten Herausforderungen für ukrainische Künstler*innen im österreichischen Kulturbereich?

An erster Stelle steht natürlich die Sprache. Auch wenn ich gesagt habe, dass man sich aktiv in die Gemeinschaft integrieren muss, ist das ohne Sprachkenntnisse extrem schwierig. Der zweite wichtige Aspekt sind kulturelle Codes. Man muss verstehen, wie die lokalen kulturellen Mechanismen funktionieren: wie man sich für Projekte bewirbt, verhandelt, kommuniziert und in beruflichen Beziehungen das richtige Tempo und die richtige Distanz wahrt. Und natürlich ist es sehr schwierig, Fördermittel für Projekte zu bekommen. Das ist selbst für Österreicher*innen eine Herausforderung und für Ukrainer*innen umso mehr.

In welcher Form können informelle Unterstützungsnetzwerke für Künstler*innen entstehen?


Sie können sehr einfach sein: Ratschläge geben, Möglichkeiten teilen, sich an einem Projekt beteiligen, nicht unbedingt als Mitorganisator*in, sondern durch kleine Mithilfe, zum Beispiel durch das Verteilen von Flyern. Für mich ist das auch Unterstützung. Emotionale Unterstützung ist ebenso wichtig. Die Kulturszene ist nicht die wichtigste Basis für Stabilität, aber wenn man nicht nur als Künstler*in, sondern auch als Mensch, der einen Krieg erlebt hat, gehört wird, macht das einen großen Unterschied.

Für mich ist es wichtig, dass Kunst und Kulturarbeit nicht nur eine Form der Selbstdarstellung sind, sondern auch eine Möglichkeit, Verbindungen zu schaffen und Unterstützung zu leisten. Ich hatte den starken Wunsch, mehr Möglichkeiten zu schaffen, sowohl für Künstler*innen im Allgemeinen als auch für Ukrainer*innen im Besonderen. 
Ich habe nun ein ganz klares Ziel: dem österreichischen Publikum den ukrainischen Kontext näherzubringen.

Diese drei Geschichten erzählen von keinen schnellen Erfolgen oder geben einfache Antworten. Stattdessen zeigen sie, dass Sichtbarkeit nicht von selbst entsteht. Sie wird durch tägliches Tun aufgebaut: Performances, Projekte und eine kontinuierliche Präsenz. Ukrainische Künstler*innen in Österreich integrieren sich nicht bloß in die neue Umgebung. Sie verändern sie, fügen neue Bedeutungen hinzu und verfeinern die Sensibilität für die Erfahrungen, die Erinnerungen und die Identitäten von Frauen.

Olha Volynska

Vladyslava Chentsova Photo: Thomas Raggam, Schubidu Quartet