Ukrainische Künstler:innen verknüpft mit der lokalen Kunstszene
Nastia Khlestova
Im vergangenen Jahr hatte ich das Privileg, mit dem Office Ukraine in Graz zusammenzuarbeiten und hatte die Gelegenheit, an mehreren Projekten als Kuratorin mitzuwirken.
In Graz gibt es eine unglaubliche Gemeinschaft von Künstler:innen, die nach dem Beginn der Invasion hierher gezogen sind. Ich finde es ungemein befriedigend, eng mit dieser Szene zusammenzuarbeiten, Ausstellungen mit diesen Künstler:innen zu organisieren und dabei zu helfen, ukrainische Kunst hier in Österreich zu fördern. Für mich war es extrem wichtig, mit ihnen und mit lokalen Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen zusammenzuarbeiten, um eine starke Gemeinschaft aufzubauen.
Eines der wichtigsten Projekte, das ich hervorheben möchte, ist die Ausstellung „Додому – nachhause – home“, die sich mit dem Konzept der Heimat und der Erfahrung, sie zu verlieren, beschäftigt. Die Ausstellung versammelte Arbeiten ukrainischer und österreichischer Künstler:innen, die vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 entstanden sind. Diese Werke erzählen von den verschiedenen Facetten des Lebens vor dem Krieg und den gemeinsamen Erfahrungen, sich in der neuen Realität zurechtzufinden. Ukrainische Künstler:innen beschäftigen sich mit Emotionen und Erinnerungen, die mit der Heimat verbunden sind, während sich österreichische Künstler:innen mit Prozessen auseinandersetzen, die einen Menschen seiner Heimat berauben oder zwingen können, sie zu verlassen. Indem wir diese Arbeiten in den Kontext der Kriegszeit stellten, wollten wir beleuchten, wie sich das Leben der Künstler:innen im Gefolge des Konflikts verändert hat. Der Vorschlag, an dieser Ausstellung mitzuarbeiten, kam von der Grazer Künstlerin Helene Thümmel als Versuch, die ukrainische Gemeinschaft zu unterstützen und zusammenzuarbeiten.
Ein weiteres Projekt von großer Bedeutung ist „KUNSTTASCHE | МИСТЕЦТВО У ТОРБІ | UMETNOST V TORBI“, bei dem wir mit ukrainischen Künstler:innen und der österreichischen Kulturinitiative UNIKUM zusammengearbeitet haben. Mit diesem Projekt wollten wir unsere Solidarität mit den Menschen ausdrücken, die von Krieg, Gewalt und Vertreibung betroffen sind. Wir verteilten Kunst in speziell gestalteten Zeitungs-Entnahmetaschen, den so genannten „Stummen Verkäufern“, an verschiedenen Orten wie der Universität Klagenfurt, dem Lendkanal und Kulturinitiativen in ganz Österreich. Die freiwilligen Spenden aus diesem Projekt flossen in den Ukrainian Emergency Art Fund, der unabhängige Künstler:innen, Kurator:innen und Kulturschaffende in der Ukraine unterstützt.
Neben Ausstellungen haben wir auch temporäre Installationen, Projekte im öffentlichen Raum und interdisziplinäre Kooperationen organisiert. Zum Beispiel die Installation „Witnesses“ im Landeszeughaus Graz. Im Juli 2022 kuratierte ich dort die Arbeiten von Eduard Balula und Margo Sarkisova. Diese Zusammenarbeit mit dem Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark bot ukrainischen Künstler:innen eine Plattform, um ihre Werke zu präsentieren und ihre Erfahrungen mit der Flucht aus ihrer Heimat aufgrund des anhaltenden Krieges an einem zentralen Ort von Graz mitzuteilen.
Die Zusammenarbeit mit ukrainischen Künstler:innen in Europa ist von immenser Bedeutung. Sie bietet ihnen nicht nur eine Plattform, um ihre Sichtweise und ihre einzigartigen Erfahrungen vermitteln, sondern dient auch als Mittel zur Verbindung von Kulturen, zur Förderung des Verständnisses und zur Bekämpfung von Stereotypen. Diese Projekte machen nicht nur die Schwierigkeiten ukrainischer Künstler:innen deutlich, sondern unterstreichen auch ihre Widerstandsfähigkeit, Kreativität und die Kraft der Kunst als universelle Sprache.
Durch die Zusammenarbeit mit ukrainischen Künstler:innen und die Einbindung ihrer Perspektiven in die europäische Kunstszene hoffen wir, vorgefasste Meinungen zu hinterfragen, Empathie zu fördern und sinnvolle Verbindungen zu schaffen. Kunst hat die Kraft, Grenzen zu überwinden und Menschen zusammenzubringen, und unsere Arbeit als Kurator:innen und Vermittler:innen besteht darin, Räume zu schaffen, in denen diese Verbindungen entstehen können.
Ich bin unglaublich dankbar für die Möglichkeit, mit diesen talentierten Künstler:innen zusammenzuarbeiten und sie auf ihrem Weg zu begleiten, während sie neue Landschaften erkunden, ihr Gefühl von Heimat neu definieren und ihre Geschichten mit der Welt teilen. Ich bin überzeugt, dass wir durch diese Zusammenarbeit nicht nur ukrainische Künstler:innen unterstützen, sondern auch eine integrativere und vielfältigere Kunstszene fördern können.
Nastia Khlestova, Mitarbeiterin des Office Ukraine Graz seit März 2022 (Foto: Christina Pashkina)
Wir haben verschiedene Persönlichkeiten der Grazer Kunstszene nach ihren Erfahrungen mit Projekten gefragt, bei denen sie ukrainische Künstler:innen eingebunden haben. Und warum es relevant ist, das Publikum in Graz, der Steiermark und Österreich mit ukrainischem Kunstschaffen in Kontakt zu bringen.
Elisabeth Fiedler
Wir haben im Jahr 2022 am und im Landeszeughaus Graz das viel beachtete Projekt WITNESSES der Künstler:innen Eduard Balula und Margo Sarkisova, kuratiert von Nastia Klestova in Rücksprache und Kooperation mit Office Ukraine in Reaktion auf den Angriffskrieg auf die Ukraine realisiert. Die Zusammenarbeit war von großer Achtung und gegenseitiger Wertschätzung geprägt.
Am 21. Mai 2023 performten die ukrainischen Musiker:innen Sofiia und Anton Baibakov mit ihrer einzigartigen Musik beim 20jährigen Jubiläumsfest im Österreichischen Skulpturenpark mit hunderten Gästen.
In der Präsentation ukrainischer Künstler:innen wird nicht nur unser geistiger und ästhetischer Horizont erweitert. Wir bereichern uns gegenseitig und es erschließen sich neue wertvolle Begegnungen. Gegenseitiges Kennenlernen, wertschätzende Auseinandersetzung mit diversen Lebens-, Arbeits- und Denkweisen ist wichtig und schafft neue, von Achtung getragene Verbindungen in und für eine hoffentlich friedfertige Zukunft.
Elisabeth Fiedler, Leiterin und Chefkuratorin der Abteilung Kunst im Außenraum am Universalmuseum Joanneum (Foto: UMJ, J.J.Kucek)
Heinz Wittenbrink
Im Sommer letzten Jahres haben wir die off_gallery Eva Fomitskih als Gastkuratorin überlassen. In der Ausstellung *Discontinuity* waren fünf Fotograf:innen vertreten, die – wie sie selbst – aus der Ukraine kommen. Eva Holts, Dmytro Zaiets, Olga Chekotovska, Victoria Likholiot und Anton Malynovskyi reagieren in ihren Arbeiten auf den Krieg, der nur wenige hundert Kilometer entfernt von uns stattfindet. Eva Fomitskih hat die Ausstellung selbständig konzipiert und kuratiert – lediglich der Vorschlag, im weitesten Sinne Architektur- und Landschaftsfotografie zu zeigen, kam von uns. Das Echo des Publikums war positiv, vor allem hat sich die ukrainische Community über die Ausstellung und auch die Gelegenheit, sich zu treffen und zu vernetzen, gefreut.
Es gibt einen unmittelbaren politisch bedingten Grund, die Ukraine besser kennenzulernen und zu verstehen – ein Land, das viele noch immer zu Unrecht als zu Russland gehörend wahrnehmen. Es ist wichtig, von den vielen Klischees wegzukommen, die unsere Wahrnehmung dieses Landes und seiner Geschichte behindern. Dadurch verstehen wir besser, worum es den Ukrainer:innen bei der Abwehr der russischen Aggression geht. Über die aktuelle politische Situation hinaus kann man die Ukraine und die ganze Schwarzmeerregion auch als ein Gegenstück zum Balkan und der westlichen Adria verstehen – als eine Region, die uns näher und die mit unserer Geschichte viel enger verbunden ist, als uns oft bewusst ist. Es ist wichtig zu verstehen, dass die europäische Realität viel komplexer und vielfältiger ist als wir sie meist verstehen – und dass das östliche und südöstliche Europa viel mehr ist als nur nichtwestlich.
Heinz Wittenbrink, Co-Leiter der off_gallery graz (Foto: Günther Peroutka)
Edith Draxl
Wir haben bisher mit zwei Künstlerinnen zusammengearbeitet. Mit Nina Khyzhna und mit Vlada Chentsovska. Die Zusammenarbeit mit einer dritten Künstlerin, Nina Eba, hat gerade begonnen.
Mit Nina Khyzhna haben wir das Projekt „Unbeugsames Cherson“ realisiert, eine szenische Lesung, die das Publikum sehr beeindruckt hat. Zudem hat sie ein weiteres Theaterprojekt „Nobody died today“ bei uns gespielt. Mit Vlada Chentsovska haben wir das Theaterprojekt „Über das Licht, das die Dunkelheit besiegt“ realisiert. Es wird demnächst wieder aufgenommen werden. Zudem betreuen wir Vlada nun als Stipendiatin des Landes Steiermark und arbeiten mit ihr an einem weiteren Projekt.
Nina Eba wird Teil des Internationalen Dramatiker:innenfestival Graz sein. Zudem arbeiten wir laufend mit der bildenden Künstlerin Yuliia Makarenko zusammen.
Edith Draxl, Künstlerische Leiterin von uniT (Foto: Wolfgang Rappel)
Josef Fürpaß
Im Januar 2023 organisierte ich eine Ausstellung mit dem Künstler Oleksandr Dmytrenko (in Kooperation mit der „Gruppe 77“), und dann im Mai 2023 die Ausstellung „Kampf & Kontemplation – zeitgenössische Druckgraphik“ (in Zusammenarbeit mit der Kulturvermittlung Steiermark), mit sechs Künstler:innen geboren in der Ukraine, im Iran und in Österreich. Es kam zu einer produktiven Zusammenarbeit unter allen beteiligten Künstler:innen.
Österreich hat im Allgemeinen eine gute Tradition der Gastfreundschaft. Wie überall in Europa und in der westlichen Welt war unsere Gesellschaft in den letzten Jahren verwundbar und unser demokratisches System ist durch strukturelle Veränderungen, Globalisierung und Neoliberalismus gefährdet. Einige politische Bewegungen und Wirtschaftsmächte agitieren gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte. Jede Aktivität von Menschen, die sich für Humanität und Menschenrechte einsetzen, ist wichtig: für unser Land und die vielen anderen Nationen, die für bessere Bedingungen für ihre Menschen kämpfen. Seit Jahren habe ich keine großen Hoffnungen, bin aber dennoch zuversichtlich in Bezug auf Bewusstsein und Gerechtigkeit.
Josef Fürpaß, Künstler und Lehrer an der Meisterschule für Kunst und Gestaltung/Ortweinschule Graz (Foto: Pierre Pitzl)
