Symposium Mohrytsia: 27 Jahre ukrainische Land Art

Projektpräsentation, 2016
©Roman Klymenko
Bislang haben wir viel über die Praktiken ukrainischer Kunst- und Kulturschaffender nach dem 24. Februar 2022 – dem Beginn des großflächigen russischen Angriffskrieges in der Ukraine – berichtet. Dieses Mal sprachen wir mit dem Künstler und Koordinator des Land-Art-Symposiums Mohrytsia, Yehor Antsyhin.
In seinen 27 Jahren hat sich Mohrytsia von einer lokalen Kunstinitiative zu einem kreativen Labor entwickelt, das eine ganze Generation von Künstler:innen geprägt hat, die sich mit Landschaft, Erinnerung und dem Verhältnis zwischen Ort und Mensch auseinandersetzen. Unweit eines Kreidebruchs gelegen, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, ist das Symposium unmittelbar vom Krieg betroffen. Wie das Projekt entstand, sich veränderte und heute weiter besteht, erfahren Sie im folgenden Interview.
Office Ukraine: Das Symposium Mohrytsia besteht seit 27 Jahren. Können Sie kurz erzählen, wie und womit alles begann? Warum gerade die Region Sumy und der Kreidebruch? War der Bezug zu Robert Smithson von Anfang an bewusst oder entstand er später? Und warum gerade ein Land-Art-Symposium?
Yehor Antsyhin: Das Land-Art-Symposium ging aus studentischen Sommerpraktika des Kunstkollegs Sumy hervor. Die vielfältige Landschaft in der Nähe von Mohrytsia – mit einem altslawischen Siedlungshügel, dem Kreidebruch, Wiesen, Hügeln und dem Fluss Psel – schuf von Beginn an einen vielschichtigen Kontext für künstlerische Arbeit und wurde zu einem Ort räumlicher Experimente und interdisziplinärer Forschung.
Das Pleinair-Format entwickelte sich rasch von einer Ausbildungsform zu einem generationenübergreifenden Raum, in dem junge Künstler:innen gemeinsam mit etablierten Positionen arbeiteten.
Die Land Art von Mohrytsia ist intuitiv, zugleich jedoch konzeptionell fundiert. Die Kurator:innen und Künstler:innen orientierten sich selbstverständlich am internationalen Kontext. Sie kannten die Arbeiten von Richard Long, Robert Smithson und anderen Vertreter:innen der Land Art. Entscheidend wurde jedoch die kontinuierliche Präsenz an diesem Ort – die Bewegung vom Objekt hin zum Prozess und zur Interaktion. Darin liegt das Wesen des Symposiums. So entstand eine Gemeinschaft, die die Entwicklung des Symposiums wesentlich prägte und kuratorisch reflektierte.
Für mich liegt der Kern des Symposiums in der Bildung einer Gemeinschaft und in langfristigen Beziehungen zwischen Künstler:innen, die durch ihre gemeinsame Arbeit mit der Landschaft von Mohrytsia verbunden sind.

Eine Gruppe von Studenten der Kunsthochschule Sumy – Vorbereitung von Keramik vor dem Brennen, 1997
©Hanna Ghidora
OU: In 27 Jahren hat sich der soziale und politische – ganz zu schweigen vom natürlichen – Kontext stark verändert. Von den späten 1990er Jahren, den ersten Jahren der Unabhängigkeit, über verschiedene Phasen der ukrainischen Demokratie, den Maidan, die Besetzung der Krim und die Invasion Russlands: Wie spiegelten sich diese Veränderungen im Programm wider?
YA: Der Veranstaltungsort des Symposiums liegt nur drei Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Bis 2013 nahmen auch russische Künstler am Symposium teil, und Vertreter der benachbarten Bezirksverwaltungen waren bei den Abschlussveranstaltungen anwesend. Nach 2014 tauchen in den Werken der Künstler Themen wie Grenzen, Trennungen und Identität auf, denn wie könnte es auch anders sein, wenn auf den unbefestigten Straßen rund um Mogritsa auf der russischen Seite bereits Panzer Wache standen.
In 27 Jahren haben sich die Autor:innen und Herangehensweisen an die Arbeit mit Landschaft und Material verändert. Eine detaillierte Analyse, welche Werke in welcher Periode entstanden sind, erfordert eine gesonderte Betrachtung. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass ein allmählicher Wandel von überwiegend poetischen, metaphorischen Gesten hin zu sozial und politisch sensibleren Äußerungen stattfand. Wichtig ist, dass diese Vektoren sich nicht gegenseitig ersetzten, sondern vielmehr überlagerten und die Praktiken multidimensionaler machten.
So kann man feststellen, dass in den Jahren 2014–2024 Werke entstanden sind, die direkt auf wichtige historische Ereignisse in der Ukraine reflektierten. In den Archiven des Symposiums finden sich Werke, die in einen direkten Dialog mit dem politischen Kontext treten, aber man sollte nicht vergessen: Land Art ist in erster Linie die Kunst der Beziehung zur natürlichen Umwelt. Genau diese Dominante gab oft die Richtung der künstlerischen Suche vor.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Symposium von einem Pleinair-Format zu einer vollwertigen Institution entwickelt hat – einem Netzwerk von Kunstlabors, die durch Raum, Zeit und den Wunsch nach Zusammenarbeit und Wissensaustausch verbunden sind.
Das Programm des Symposiums war nie ein direktes Spiegelbild politischer Ereignisse. Der kuratorische Ansatz reagierte vielmehr auf Prozesse im künstlerischen Bereich: Mit welchen Themen arbeiten die Künstler, wie gestaltet sich die Kommunikation zwischen den Gemeinschaften, welche Formen der Zusammenarbeit sind möglich?
Wichtig war der Übergang von dem Modell eines / r Einzelkurator:in zu einem Netzwerk von Kuratorengruppen und horizontalen Verbindungen. Dies ermöglichte es, die Teilnehmer:innen nach Ansätzen und künstlerischen Positionen zu strukturieren. Wenn man sich die Titel der Symposien ansieht, so umschrieben sie in der Regel einen breiten Rahmen – Raum, Zeit, Beziehungen.

Teilnehmer des letzten Symposiums im Landart Park, 2021
©Oleg Demyanenko
OU: Jedes Jahr sah das Symposium anders aus. Soweit ich weiß, hatten die Künstler:innen Zeit, Objekte zu schaffen und mit der Umgebung zu arbeiten, und dann hatte das Publikum Zeit, sich alles anzusehen. Wie viel Zeit nahm die Arbeit eines Künstlers / einer Künstlerin in der Regel in Anspruch? Ich habe gesehen, dass es Artists Residencies gab, ist das richtig? Hatten die Künstler:innen Zeit für langfristige Forschungsprojekte?
YA: Das Symposium funktionierte fast immer im Format einer Residency. Im Durchschnitt hatten die Künstler:innen zwei Wochen Zeit für ihre Arbeit, aber es gab die Möglichkeit, früher anzureisen oder länger zu bleiben, sodass einzelne Projekte über einen Monat hinweg realisiert wurden.
Ein Teil der Arbeiten war auf langfristige Beobachtungen ausgerichtet – auf Veränderungen des Objekts unter dem Einfluss natürlicher Bedingungen. Einige von ihnen existierten jahrelang und verwandelten sich allmählich oder verschwanden vollständig in der Landschaft.
OU: Wie arbeiteten das Symposium und die Künstler:innen mit den Anwohner:innen zusammen? Wurden sie zu verschiedenen Zeiten in das Projekt einbezogen? Wie reagierten Menschen ohne Kunstbezug auf das Symposium?
YA: Die Interaktion mit den Einheimischen dauerte während der gesamten Dauer des Symposiums an und durchlief verschiedene Phasen. Die Bezirksverwaltung und die Gemeinde halfen bei organisatorischen Fragen – von Wasser und Brennholz bis hin zu Genehmigungen und Berichterstattung in der lokalen Presse.
Die örtliche Schule initiierte Forschungsprojekte über die Land Art in Mohrytsia und bildete Schüler:innen als Guides aus. Die Einwohner:innen von Mohrytsia und den umliegenden Dörfern nahmen an den Abschlusspräsentationen teil. Zwei Einwohner:innen der Gemeinde gründeten sogar ein kleines Tourismusunternehmen, das Führungen durch den Veranstaltungsort des Symposiums anbot.
Es entstanden lokale Traditionen: Besucher:innen hinterließen Bänder, schufen eigene Mini-Objekte und warfen Münzen in die Mitte eines der Objekte. In verschiedenen Jahren bezogen die Künstler:innen die Bewohner:innen in die Umsetzung ihrer eigenen Projekte ein.
Es sei daran erinnert, dass diese Gegend bereits seit den 1950er Jahren von den Einheimischen zur Ivan Kupala-Feier genutzt wurde. Daher wurde die Wiederaufnahme kultureller Aktivitäten als Fortsetzung und Transformation der Tradition wahrgenommen. Mit der Zeit begann die Gemeinde, das Symposium nicht mehr als Unterhaltung, sondern als philosophisch-künstlerisches Ereignis zu betrachten, beteiligte sich an Diskussionen und hörte den Präsentationen aufmerksam zu. Eine wichtige Rolle spielten auch die Medien und die allmähliche Etablierung von Mohrytsia als touristischer Ort auf der Kulturkarte der Ukraine.
OU: In 27 Jahren ist eine ganze Generation von Künstler:innen herangewachsen. Kann man sagen, dass es Menschen gibt, die mit Mohrytsia aufgewachsen sind und sich mit Kunst beschäftigen, die thematisch und ästhetisch dem Symposium nahe steht? Kann man von einer besonderen Mohrytsia-Ästhetik / Gemeinschaft sprechen und was unterscheidet sie von anderen Kunstformen?
YA: Das Symposium war ein aktives Laboratorium für die Entwicklung kreativer Jugendlicher, in dem neue Ansätze für die Interaktion mit der Umwelt entwickelt wurden. Es bildete die Grundlage für die Herausbildung mehrerer neuer Generationen von Künstler:innen, die später zu aktiven Teilnehmer:innen der ukrainischen Kunstszene wurden und für die die Erfahrung mit Land Art entscheidend war. Für viele von ihnen war Mohrytsia nicht nur ein Ort, sondern eine Art Einweihung in die Kunst – ein Moment der Selbsterkenntnis und des Überschreitens der Grenzen des akademischen Kanons.
Das Zusammenleben, die Zusammenarbeit und die Diskussionen formten nicht nur soziale Bindungen, sondern auch eine erkennbare Bildsprache. In dieser Kreidelandschaft kristallisierte sich ein gemeinsames Verständnis nicht nur von Land Art, sondern auch von zeitgenössischer Kunst im Allgemeinen heraus.
Bezeichnend ist auch, dass die meisten Künstler:innen über viele Jahre hinweg immer wieder zurückkehrten, um mit diesem Raum zu arbeiten.

Natalia Lisova. PATH: INTERACTION, Happening, 2021
©Oleg Demyanenko
OU: Wie hat sich die geografische Verteilung der Teilnehmer:innen während des Symposiums verändert? Mit welchen Land-Art-Zentren in der Ukraine haben Sie zusammengearbeitet?
YA: Von einer Gruppe von 20 Künstler:innen und Studierenden aus Sumy auf 103 Teilnehmer aus der ganzen Ukraine (Kiew, Charkiw, Lviv, Winnyzja, Dnipro, Saporischschja, Tscherniwzi, Uschhorod, Poltawa, Tschernihiw u. a.) wuchs die Mohrytsia-Künstler:innengemeinschaft und wurde zu einer gesamtukrainischen Plattform für die Entwicklung von Land Art. In den letzten Jahren des Symposiums versammelten sich bis zu 1000 Menschen aus verschiedenen Teilen des Landes und aus dem Ausland.
Wir haben jedes Jahr an verschiedenen Orten des Landes Präsentationen des Projekts und Ausstellungen organisiert, jährliche Kataloge und Videos veröffentlicht, um Informationen über die Aktivitäten des Symposiums zu verbreiten.
Zu einer bestimmten Zeit fanden Land-Art-Veranstaltungen in Kiew, Saporischschja, Lemberg, Odessa, den Karpaten an verschiedenen Orten und in Poltawa statt, an denen wir in unterschiedlichem Maße beteiligt waren – Beratung bei organisatorischen Prozessen, Vorträge, Präsentationen, Teilnahme von Künstler:innen.
OU: Es herrscht Krieg, und das Leben der gesamten Künstler:innengemeinschaft in der Ukraine hat sich stark verändert. Derzeit findet das Symposium nicht in der Region Sumy statt. Es wurde einmal in Wien und an anderen Orten abgehalten. Das ist keine einfache Frage, aber wie kann man unter solchen Umständen die Praxis von Mohrytsia fortsetzen?
YА: Heute ist der Ort des Symposiums teilweise vermint und wird beschossen, sodass er unzugänglich ist. Aber für Mohrytsia gab es immer zwei Komponenten: den Ort und die Gemeinschaft. Unsere Hauptaufgabe ist es, die Verbindungen, die Erinnerung und die gesammelten Erfahrungen zu bewahren.
Im Jahr 2023 haben wir das Projekt Internally Displaced Landscape realisiert, das parallel in Sumy, Charkiw, Lemberg und Kiew stattfand. Das Symposium behielt seine Struktur bei, aber die gemeinsamen Treffen fanden online statt. Jede Stadt hatte eine:n eigenen Kurator:in, es gab Präsentationen, Ausstellungen und einen Katalog.
Im Jahr 2024 wurden die Projekte in Wien und Sumy vorgestellt. Von besonderer Bedeutung war das Projekt SEE:UA – connecting landscapes, das auf dem Dialog zwischen Kunstpraktiker:innen im öffentlichen Raum der Notgalerie in Wien und Land-Art-Praktikern des Symposiums Mohrytsia. Prostor pokordonia (Mohrytsia. Grenzraum), das aufgrund der groß angelegten russischen Invasion vorübergehend keinen Zugang zum Hauptstandort hatte.
Kurator:innen des Projekts waren Yuriy Yefanov, Natalia Matsenko, Clemens Pul und Reingold Zisser. Von Juni bis November 2024 verband das Projekt SEE:UA ukrainische und österreichische Landschaften und Kulturgemeinschaften und untersuchte die Transformation von Seestadt – von Brachflächen und Feldern über eine Baustelle bis hin zu einem neuen Stadtteil. Außerdem wurde die Frage aufgeworfen, ob es möglich ist, die Erfahrungen des Krieges und der unzugänglichen Landschaft in einen anderen Kontext zu übertragen.
Eine gemeinsame ethische und ästhetische Grundlage ermöglichte die Umsetzung von Projekten, die zu Elementen des internationalen Dialogs und zu einer Geste der Solidarität wurden.
Im Jahr 2025 lag der Schwerpunkt auf der Erstellung der Archiv-Website Prostir Pokordonia (Grenzraum) parallel zu öffentlichen Veranstaltungen in Lviv, Kiew und Sumy.
In Wien stellten österreichische Kollege:innen 2025 nicht nur Werke von Künstler:innen aus Mohrytsia aus, sondern schufen auch eigene Werke, die Mohrytsia gewidmet waren.
Eine besondere Geste der Erinnerung war eine Einzelausstellung, die der verstorbenen Freiwilligen und Künstlerin aus der Gemeinde Mohrytsia, Yaroslava Maistrenko, gewidmet war.

Katya Buchatka. Aussteiger. Installation, 2017
©Victoria Timoshenko
OU: Erzählen Sie uns bitte etwas über das letzte Projekt, an dem Prostir Pokordonia gearbeitet hat.
YA: Im Herbst 2025 haben wir die Ergebnisse des Projekts 27 Jahre ukrainische Land Art vorgestellt, in dessen Rahmen die Archive aus 27 Jahren Tätigkeit des Land-Art-Symposiums Prostir Pokordonia strukturiert, beschrieben und aufgearbeitet wurden. Der gesamte Informationsbestand steht nun auf unserer Website zur Verfügung.
Trotz der enormen Arbeit, die unser Team geleistet hat, gibt es noch Bereiche, die weiterer Bearbeitung bedürfen. Dennoch lade ich Interessierte und Forscher:innen schon heute herzlich ein, sich mit dem Archiv des Symposiums Prostir Pokordonia auf unserer Website vertraut zu machen.
OU: Was brauchen die Organisatoren von Mohrytsia derzeit und welche Ziele verfolgen sie? Welche Unterstützung benötigt das Symposium?
YA: Unsere Hauptziele sind der Erhalt der Community, der Ergebnisse des Symposiums sowie der Ausbau des Archivs. Zu unseren Plänen und Träumen für die Zukunft gehören die Veröffentlichung eines großen online-Albums und die Arbeit an einem Forschungs- und Ausstellungsprojekt über Land Art in der Ukraine. Wir möchten die Land-Art-Praktiken an neuen Orten fortsetzen und dabei die Werte von Prostor Pokordonia bewahren und weiterentwickeln.
Derzeit sind wir dabei, eine neue Form für die Arbeit des Symposiums zu finden. Obwohl wir bestimmte Visionen für die Zukunft haben, sind wir offen für Kooperationsvorschläge. Bei ausreichender Finanzierung sind wir bereit, die Aktivitäten der Institution auszuweiten und zu unterstützen.
OU: Was möchtest du noch hinzufügen?
YA: Mein besonderer Dank gilt der Hauptkuratorin Hanna Volodymyrivna Hidora – sie ist das Fundament, die Basis und der Boden dieses großartigen Projekts – sowie Nataliya Matsenko, die mich bei der Vorbereitung meiner Antworten für das Interview beraten hat.
Wir senden allen Interessierten und Teilnehmer:innen des Land Art-Symposiums herzliche Grüße und möchten euch daran erinnern, dass wir euch nicht vergessen haben. Bei der ersten Gelegenheit, ein neues Symposium zu veranstalten, würden wir uns freuen, euch alle wieder in unserem großen Kreis zu sehen.
