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JULY

Dieser Garten heilt mich und meinen Geist

Kateryna Lysovenko in ihrem neuen Atelier.

Kateryna Lysovenko ist eine junge Künstlerin aus Kiew (Ukraine), die vor wenigen Monaten aufgrund des Krieges nach Graz kam. Über das Office Ukraine Graz wurde der Kontakt zum Universalmuseum Joanneum (UMJ) hergestellt und in weiterer Folge geeigneter Wohnraum gefunden. Mit ihren beiden Kindern und einer Katze lebt sie nun im Portierhaus des Schloss Eggenberg. In einem Gebäude im Schlosspark konnte sie sich ein Atelier einrichten, um ihrer künstlerischen Tätigkeit weiterhin nachgehen zu können.

Ein ruhiger Nachmittag im Schlosspark von Eggenberg. Kateryna zeigt die kleinen Malereien auf ihrem Schreibtisch, an denen sie gerade arbeitet. „Wenn ich kleine Bilder male, hat es einen größeren emotionalen Wert für mich. Gleichzeitig geben sie viel Raum für Fantasie. Große Dinge bekommen in dieser Welt aber mehr Aufmerksamkeit. Wenn ich solche Werke mache, möchte ich Menschen in diese Welt einladen“, erklärt Kateryna, während sie die großen Leinwände, die die Wände des Ateliers schmücken, präsentiert.

Ein langer Weg nach Graz

Seit fast vier Monaten lebt Kateryna nun hier in Graz. „Als der Krieg ausbrach, verstand ich, dass ich meine Kinder in Sicherheit bringen musste. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Zuerst sind wir in die Westukraine gegangen, aber die Situation dort war sehr schwierig für uns. Deshalb gingen wir nach Polen, wo ich dann den Kontakt zu polnischen Künstler:innen herstellen konnte.”

Kateryna erklärt, sie habe sich einen sicheren und ruhigen Ort gewünscht, an dem sie für einen längeren Zeitraum künstlerisch arbeiten kann. „Unsere Unterkunft in Graz ist sehr schön. Ich fühle mich hier sehr wohl und das Office Ukraine Graz hat mir auch wirklich bei der Integration geholfen, wofür ich sehr dankbar bin. Ich habe hier gute Beziehungen geknüpft und einige neue Freund:innen gefunden.“

Das Ateliergebäude liegt im Eggenberger Schlosspark.

Mutter-sein und Künstlerin-sein

Ihre Kinder sind fünf und zehn Jahre alt und können hier in Graz weiterhin den Kindergarten und die Schule besuchen. Vor allem die Suche nach einem Kindergarten gestaltete sich zunächst schwierig. Erst nach mehreren Wochen konnte ein Platz in einem lokalen Kindergarten organisiert werden.

„Die freie Zeit, die ich nun habe, nutze ich hauptsächlich in meinem Atelier, um an meiner Kunst zu arbeiten.“ Auf die Frage, ob sie auch mit ihren Kindern arbeiten könne, meint die junge Künstlerin: „Natürlich brauche ich Zeit für mich allein, um nachzudenken. Aber wenn ich dann eine Idee habe, kann ich auch neben den Kindern arbeiten, das habe ich früher auch schon gemacht.“

Ein neues Leben in Graz

Nun setzt Kateryna ihre künstlerischen Tätigkeiten in Graz fort. „Es ist ein sehr schöner Platz hier. Ich liebe den großen alten Garten sehr. Ich hatte immer schon den Traum, in einem solchen Garten zu leben und jetzt ist dieser Traum wahr geworden - natürlich unter sehr harten Bedingungen und mit einem sehr schwierigen Hintergrund. Dieser Garten heilt mich und meinen Geist wirklich. Manchmal ist es sehr schizophren für mich. Meine Verwandten und Freunde sind in einer sehr schwierigen Lage zu Hause, während ich diesen schönen Blick habe.”

Ein Weg im Schlosspark, den die Künstlerin besonders gerne hat.

Zwischen Krieg und Kunst

Die Themen, die Kateryna mit ihrer Malerei aufgreift, sind derzeit vor allem Entmenschlichung und Entobjektivierung. Sie verfolgt dabei ein politisches Interesse und beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Ideologie und Malerei, sowie mit der Präsenz von Opferdarstellungen in Politik und Kunst, von der Antike bis zur Gegenwart. Sie betrachtet die Malerei als eine Sprache, die instrumentalisiert oder befreit werden kann.

„Ich habe viele Emotionen mit der Situation hier in Verbindung mit der Ukraine, die ich in meine Kunst einbringen möchte. Es ist für mich sehr interessant zu sehen: Wenn ich in den öffentlichen Verkehrsmitteln sitze, fühle ich mich anders als die anderen. Aber im Museum fühle ich mich wie zu Hause, weil ich viele Inspirationen von anderen Bildern bekomme, vor allem von den Künstler:innen aus der Vergangenheit. Die österreichischen Künstler:innen des 19. und 20. Jahrhunderts sehen den Krieg und die Gewalt ganz nah. Ich sehe, dass sie ihre Realität so beschrieben haben, wie ich es jetzt tue. Der Verlust der Menschlichkeit und die Zerstörung des Körpers, der Stadt und allen Lebens. Ich empfinde jetzt ähnliche Gefühle wie diese Künstler:innen damals in Österreich.“

Licht am Ende des Tunnels?

Derzeit bereitet sich die Künstlerin auf den steirischen herbst 2022, sowie auf die Schaffung eines Wandbilds, das in Kooperation mit dem Kunsthaus Graz entstehen wird, vor. „Identitätsverlust, Entmenschlichung, die feministische Kritik am Krieg, sowie die Beziehung zwischen Körper und Gewalt im Bild werden Themen sein“, erklärt sie. Die Künstlerin arbeitet darüber hinaus auch an einem neuen Werk, das im Herbst in Rumänien gezeigt werden wird.

Auch die Arbeit an großen Leinwänden ist im Atelier möglich.

„Ich möchte erst wieder nach Hause zurückgehen, wenn die Ukraine diesen Krieg gewinnt und wir unser Territorium zurückbekommen wie vor dem 24. Februar. Ich denke dabei sehr an meine Kinder. Im Herbst fange ich in Basel ein Masterstudium an und dann denke ich vielleicht über eine Dissertation in Wien nach. Zwei Jahre lang werde ich sicher hier bleiben, weil ich mich weiterbilden will.“

Text: Nora Reichhalter
Fotos: Thomas Raggam

WIR STELLEN VOR: OFFICE UKRAINE INNSBRUCK

Foto (von links nach rechts): Andrei Siclodi, Veronika Riedl, Iryna Kurhanska

Seit Beginn der Initiative Office Ukraine gehört es zum Alltag im Künstlerhaus Büchsenhausen, Projektmöglichkeiten für ukrainische Künstler:innen mit Institutionen und Initiativen in Tirol, Vorarlberg und Salzburg auszuloten, Wohnmöglichkeiten zu finden und mit den vertriebenen Künstler:innen Gespräche über Alltagsfragen und dringend benötigte Dokumente zu führen. Abgesehen davon hat sich die Terrasse des Künstlerhauses als Arbeits- und Begegnungsort für Künstler:innen aus Ukraine etabliert.

Das Künstlerhaus Büchsenhausen in Innsbruck vereint normalerweise zwei Förderprogramme unter einem Dach: das international ausgerichtete Fellowship-Programm für Kunst und Theorie sowie ein Atelierprogramm für in Tirol ansässige Künstler:innen. Seit März 2022 ist es nun auch die Office Ukraine Zweigstelle im Westen Österreichs, mit Fokus auf die Bundesländer Tirol, Salzburg und Vorarlberg. Durch den Standort im Westen, wo wesentlich weniger Vertriebene aus Ukraine direkt ankommen als in Städten wie Wien und Graz, ist die Situation – und damit auch die Arbeitsschwerpunkte des Teams – ein wenig anders.

Vor allem in der Anfangsphase konzentrierten wir uns unter anderem auf die Verbreitung von Informationen in den lokalen Kunst- und Kulturszenen, um Unterstützungsangebote und Spenden zu generieren. Für die Angekommenen versuchen wir, durch finanzielle Unterstützung, Wohnraumvermittlung und Informationsweiterleitung die Hürden der Ankunftszeit etwas zu mindern und ihnen in weiterer Folge durch das Knüpfen von Kontakten zu lokalen Institutionen und Einzelpersonen sowie durch die Verteilung von Künstler:innenbedarf die Möglichkeit zu geben, weiterhin künstlerisch tätig zu sein. Eine wichtige Säule ist auch die Vermittlung, beziehungsweise die Unterstützung des Aufbaus von Residencies für vertriebene ukrainische Künstler:innen im Westen. Vernetzungsveranstaltungen, darunter auch ein Film-Screening mit Filmen von Zoya Laktionova und Mantas Kvedaravičius Anfang Mai, haben den Austausch zwischen Kunst- und Kulturakteur*innen aus Österreich und Ukraine vertieft.

Diese und weitere Aktivitäten werden vom Team des Office Ukraine Innsbruck – aktuell bestehend aus Iryna Kurhanska, Veronika Riedl und Andrei Siclodi, dem Leiter der Host-Institution Künstlerhaus Büchsenhausen – umgesetzt. Einen besonderen Platz in unserem Team nimmt Iryna, Kuratorin und Art Managerin aus Kyiv, ein. Iryna hat selbst über das Formular auf unserer Webseite Kontakt mit Office Ukraine gesucht und wir freuen uns sehr, dass wir – dank großartiger Unterstützer*innen – eine Unterkunft in Innsbruck für sie finden konnten und sie uns nun im Büro mit ihren Sprachkenntnissen und ihrem Wissen über die ukrainische Kunst- und Kulturszene zur Seite steht.

Für die nächsten Monate wollen wir unsere Vernetzungsarbeit weiter intensivieren – vor allem über die Grenzen Tirols hinaus in Vorarlberg, wo bereits erfolgreiche Kooperationen mit Villa Müller in Feldkirch und der Kulturabteilung der Stadt Bregenz bestehen, sowie in Salzburg, wo gegenwärtig vor allem Wohn- und Projektmöglichkeiten eruiert werden.

Erfolgreiche Verteilaktion von Künstlerbedarf an ukrainische Künstler:innen

Aufgrund der vielfachen Anfrage nach leistbarem Künstlerbedarf von seiten ukrainischer Künstler:innen konnte Office Ukraine Wien seit Anfang Mai bei seinen Unterstützer:innen durch gezielte Aufrufe eine Vielzahl an Materialien sammeln.

Unter anderem Acryl-, Öl, Gouache - und Aquarellfarben, Ölkreide, Sprühdosen, Leinwände und Zeichenblöcke, Pinsel, Lehm, Gips, Stoffe usw. Mehr als 50 Künstler:innen, die mit Office Ukraine in Kontakt stehen, konnten im Rahmen einer Verteilaktion am 1. und 2. Juni von ihnen für ihre Arbeit benötigte Materialien abholten.

Wir danken allen Unterstützer:innen sehr herzlich für den großzügigen Support!

Art and Craft Market: Wie es war

Office Ukraine versucht unterschiedliche (Kunst)initiativen und Künstler:innen zu unterstützen und ist der Ansicht, alle sollen gleich behandelt werden. Der von Hedwig Saxenhuber, der Initiatorin des Freiraum Ukraine in Zusammenarbeit mit dem MuseumsQuartier Wien und Office Ukraine organisierte Art und Craft Market fand vom 2. - 6. Juni im Außenraum des Museumsquartier Wien statt. Im Zentrum von Wien hatten mehr als dreißig nach Wien geflüchtete ukrainische Künstler:innen fünf Tage lang die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu präsentieren.

Für die meisten der Teilnehmer:innen gestaltete sich der Markt zu einem außergewöhnlichen Ereignis, das ihnen die Gelegenheit bot, mit heimischen Kunstinteressierten und Künstlerkolleg:innen in Kontakt zu kommen und sich auch gegenseitig auszutauschen.

Hier ein paar Eindrücke der teilnehmende Künstler:innen:

Elena Slavova aus Zhytomyr

Vielen Dank an die Organisatorinnen des Marktes! Mit dieser Veranstaltung ist ein großer Wunsch von mir wahr geworden: meine Arbeiten auf dem Gelände des MuseumsQuartier Wien präsentieren zu können. Ich habe mich sehr gefreut, Künstler:innen aus anderen Teilen der Ukraine kennenzulernen. Das Experiment war sehr hilfreich und ich hoffe auf ein weitere Auflage.

Yana Gryniv aus Kyiv

Vielen Dank für diese Initiative für ukrainische Künstler:innen! Es hat mich gefreut, an diesem für uns wichtigen Projekt teilnehmen zu dürfen. Fünf Tag lang hatten wir nicht nur die Möglichkeit, Kunst und Kunsthandwerk aus der Ukraine in seiner ganzen Bandbreite vorzustellen, sondern auch die ukrainische Kultur in Österreich präsentieren zu können.

Die wunderschöne Location im MuseumsQuartier Wien und die große Unterstützung durch Office Ukraine machte diese Veranstaltung zu einem wahren Highlight und war nicht nur eine Präsentation unserer Arbeiten, sondern brachte auch einen Gedankenaustausch von Personen, die sehr stark vom Krieg betroffen sind, und die temporäre Schaffung eines Art Hub mit sich.

Anastasia Strauss aus Kharkiv

Ganz herzlichen Dank für die Unterstützung ukrainischer Künstler:innen in einer solch schwierigen Situation! Mir persönlich hat der Kunstmarkt geholfen, mich aus einer langen Depression zu befreien. Danke für Eure Arbeit und Kindness!

Anastasia Tkachuk aus Kyiv

Ich hatte das Glück, am Markt teilnehmen zu können. Fünf Tage lang hatte ich die Gelegenheit, meine Arbeiten den Bewohner:innen und Gästen Wiens präsentieren zu können und so zu einem Teil der österreichisch-ukrainischen Kreativszene zu werden. Vielen Dank an die Organisator:innen und Besucher:innen für ihren umfassende Unterstützung in dieser schwierigen Zeit.

Inna Nikolaeva aus Dnipro

Ich habe nun wieder das Gefühl, dass das Leben weitergeht, dass anstelle der vielen dunklen Stunden der letzten Monate wieder etwas Licht in mein Leben kommt und dass durch die Teilnahme am Kunstmarkt trotz des Schmerzes und der Traurigkeit wieder etwas Balance einkehren kann. Und das ist es, was wir jetzt alles so dringend brauchen. Ich bin den Menschen, die dies ermöglicht haben, unendlich dankbar: Hedwig Saxenhuber, Office Ukraine und dem MuseumsQuartier Wien. Denn was wir hier erlebt haben, war nicht nur Mitgefühl, sondern echte Hilfe in einer sehr schwierigen Zeit.

Oksana Ivantsova aus Dnipro

Ich war sehr glücklich, am Kunstmarkt im MuseumsQuartier Wien teilnehmen zu dürfen.

Fünf Tage Kunstmarkt waren fünf Tage psychologische Unterstützung für die Teilnehmer:innen. Als kreative Menschen fühlen wir besonders mit unseren Landsleuten in der Ukraine mit. Die Initiative fühlte sich an wie eine Brise frische, friedliche Luft.

Ich habe mich sehr gefreut, die anderen ukrainischen Künstler:innen und die Organisator:innen von Office Ukraine kennenzulernen, es hat mich sehr bereichert.

Vielen Dank an Hedwig Saxenhuber und die Organisator:innen für die Möglichkeit zur Teilnahme. Ich würde mich sehr freuen, auch an weiteren Aktivitäten teilnehmen zu können.

Das BMKÖS verlängert Hilfen für ukrainische Künstler:innen!

Das Sonder-Förderbudget Ukraine-Hilfe für Arbeitsstipendien und Projektförderungen für ukrainische Künstler:innen wird von derzeit 300.000 Euro auf 500.000 Euro erhöht. Zudem wird die Tätigkeit des „Office Ukraine - Shelter for Ukrainian Artists“ bis Ende 2022 verlängert. Das „Office Ukraine“ dient als Plattform, die geflüchteten Künstler:innen aus der Ukraine mit Institutionen, Personen und Initiativen aus Österreich miteinander vernetzt und unterschiedliche Hilfeleistungen anbietet.

Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer besuchte das Office im MuseumsQuartier, um sich persönlich über die erfolgreiche Arbeit zu informieren.

Am Bild: Staatssekretärin Andrea Mayer mit den ukrainischen Künstler:innen Olena Maiorenko, Evgenia Pavlova, Olha Duhota und Vladislava Korotyk.

Fotos: HBF/Laura Heinschink

JUNE

Königin der Katzen

»Office Ukraine. Shelter for Ukrainian Artists« wurde ins Leben gerufen, um ukrainische Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen aller Sparten, die nach Österreich geflüchtet sind, zu unterstützen. Das Projekt ist online und hat darüber hinaus drei Büros (Graz, Innsbruck, Wien). Bis jetzt wurden wir von ca. 400 ukrainischen Künstler:innen kontaktiert und einer großen Zahl konnten wir aktiv helfen. Dabei hilft das Office Ukraine den Künstler:innen bei der Vernetzung mit der lokalen Kunst- und Kulturszene und versucht Unterstützung zu finden. Darüber hinaus organisiert Office Ukraine regelmäßige offline Netzwerktreffen, in denen wir Menschen ermutigen, anderen zu helfen. In unserem Newsletter möchten wir Beispiele für die Zusammenarbeit zwischen österreichischen und ukrainischen Kulturarbeiter:innen aufzeigen und die Büros vorstellen. Nach wie vor brauchen zahlreiche Künstler:innen Unterstützung. Lassen wir sie nicht im Stich.

Tetiana Shtykalo ist eine Künstlerin aus Odessa (Ukraine), die sich aufgrund des russischen Angriffskriegs gezwungen sah, die Ukraine zu verlassen. Mit ihrem Ehemann und ihrem Hund verließ sie ihre Heimat und kam nach Österreich. »Office Ukraine. Shelter for Ukrainian Artists« half ihnen nicht nur, eine Unterkunft zu finden, sondern auch weiterhin ihrer künstlerischen Arbeit nachgehen zu können. Wir haben mit Tetiana während unseres letzten “Get Together”-Treffens, das alle zwei Wochen im FREIRAUM UKRAINE im MuseumsQuartier Wien stattgefunden hat, gesprochen.

Wie bist du nach Österreich gekommen und wie hast du von Office Ukraine erfahren?

Wir haben die Ukraine am ersten Kriegstag verlassen und sind auf der Suche nach einer leistbaren Unterkunft quer durch Europa gefahren. Schließlich sind wir über Social Media auf das Office Ukraine gestoßen. Wir haben dieses sofort angeschrieben und uns wurden einige Kontakte gegeben. So sind wir an eine österreichische Künstlerin gekommen, die ein Haus angeboten hat. Nun sind wir sehr dankbar, dass wir an diesem sicheren und schönen Ort wohnen können. Wie war dein Leben vor dem Krieg? Ich habe studiert und im Anschluss 22 Jahre als Senior Lecturer an der Pädagogischen Hochschule in Odessa gearbeitet. Ich habe dort Skulptur, Keramik und Zeichnen unterrichtet. In Odessa konnte ich 2018 ein großes Skultpturenprojekt über Katzen realisieren. Projektbeginn war bereits 2012, und es dauerte fünf Jahre, um alle notwendigen Genehmigungen von den städtischen und staatlichen Behörden einzuholen. In Odessa kennen mich alle und nennen mich „Katzenmutter“.

In welcher Form hat Office Ukraine dir geholfen?

Office Ukraine hat mir viel geholfen. Ich konnte mittlerweile ein gutes Netzwerk aufbauen und habe Einladungen für private Projekte und Initiativen erhalten. Aus Erfahrung weiß ich, dass es sogar in Odessa nicht leicht ist, eine Einladung für eine Ausstellung zu bekommen, aber hier in Wien ist wirklich viel los. Ich gebe Filz-Workshops für ukrainische Kinder im Freiraum Ukraine, und am 26. Mai hat ein Gips-Workshop stattgefunden. Ich bin zuversichtlich, dass sich noch mehr daraus ergeben wird, und ich bin natürlich offen für weitere Angebote.

Woran arbeitest du derzeit?

Ich möchte eine große Installation aus Gipsobjekten gestalten. Aber der Arbeitsprozess war nicht einfach. Ich habe sehr viel Gips verwendet, um ein perfektes Ergebnis zu erhalten, und am Ende hat es wirklich geklappt. Es ist ein hohles Objekt und wurde in einer der anspruchsvollsten Gipstechniken ausgeführt. Denn hier in Österreich ist Gips etwas anders als in der Ukraine, und so muss ich viel experimentieren, bevor es klappt.

Was für einen Eindruck hast du von Wien und Österreich bekommen?

Das erste Mal war ich 2002 in Wien zu Besuch. Ich kenne sowohl die Stadt als auch Österreich recht gut. Als ich in Wien war, hatte ich einen Kulturschock. Im Anschluss an die Reise war ich nach meiner Rückkehr nach Odessa einen Monat lang deprimiert. Ich war sehr beeindruckt von der Secession gewesen. Ich mag aber auch die österreichischen Kleinstädte am Land. Es ist ein wundervoller Ort zum Leben. Und ich habe den Eindruck, dass Österreich auch, was das Klima betrifft, große Ähnlichkeiten zu Odessa aufweist. In Wien habe ich jetzt viele Museen und Galerien besucht, und manche sind natürlich interessanter als andere. Ich freue mich schon auf die Ausstellung von Ai Weiwei in der Albertina. Seine Arbeit zu sozialen Themen ist essentiell für mich.

Welche Aspekte des Lebens findest du ungewöhnlich in Österreich verglichen zur Ukraine?

Alle bürokratischen Vorgänge hier in Österreich und dem Rest von Europa verschlingen sehr viel Zeit. In der Ukraine hatte ich mich z. B. daran gewöhnt, meine neue Bankkarte innerhalb von 15 Minuten zu erhalten, hier muss ich zwei Wochen darauf warten. Also muss ich lernen, geduldig zu sein. Ich bin schon über einen Monat in Österreich und habe bisher noch keinen Job, aber ich will alles dafür tun, um rasch einen zu finden. Das Interview wurde geführt von: Natalia Gurova, Office Ukraine/Wien

Unser Spendenkonto: IBAN: AT362011184532396001 BIC: GIBAATWWXXX

WIR STELLEN VOR: OFFICE UKRAINE GRAZ

Das Office Ukraine Graz konnte seit Projektbeginn im März 2022 mit mehr als 80 ukrainischen Künstler:innen und Kulturschaffenden verschiedener Sparten in Kontakt treten. Davon sind rund 30 Personen aktuell in Graz und Umland wohnhaft. Für etwa die Hälfte der Künstler:innen und Kulturschaffenden wurde über das Office Ukraine Graz kostenloser Wohnraum organisiert. Die andere Hälfte ist über private Netzwerke nach Graz gekommen und konnte die Wohnungsfrage eigenständig regeln. Neben dem Support bei der Klärung von Alltagsfragen - vom günstigen Einkauf bis zum Zahnarztbesuch - war das Office Ukraine Graz auch in der Organisation von Kinderbetreuungseinrichtungen tätig. Das Office Graz hat auch intensiv an der Vermittlung und Vernetzung der Schutz Suchenden mit kulturellen Einrichtungen bzw. der Herstellung von Kontakten zur örtlichen Kunstszene sowie an der Kontaktaufnahme zu Bildungseinrichtungen gearbeitet.

Eine erfolgreiche Vernetzung in Form von lokaler institutioneller Anbindung gelang bisher in einem Dutzend Fällen. Als institutionelle Kooperationspartner sind bis dato zu nennen: Universalmuseum Joanneum, Schaumbad - Freies Atelierhaus, HTBLVA Graz-Ortweinschule, Kunstverein Roter Keil, Forum Stadtpark, Akademie Graz, Camera Austria, Illu Kollektiv Graz, the smallest gallery, off_gallery graz, QL Galerie, Kunsthalle Graz. Einen wichtigen Stellenwert nimmt das nunmehr zweiwöchig angebotene “Open House” ein, das bisher sechs Mal abgehalten wurde und Raum für Austausch und Vernetzung von ukrainischen Künstler:innen und Kulturschaffenden mit Personen aus der lokalen Kunstszene bietet. Die Anfragen von bearbeiteten Angeboten - Wohnraum und unterstützende Services aller Art - vor allem aus Graz, aber auch der Steiermark und Kärnten, sowie die Anfragen von Kunst- und Kultureinrichtungen und Medien gehen in die Hunderten. In vielen Fällen konnten hier auch erfolgreich Vernetzungen hergestellt werden.

Neben dem Support bei der Klärung von Alltagsfragen - vom günstigen Einkauf bis zum Zahnarztbesuch - war das Office Ukraine Graz auch in der Organisation von Kinderbetreuungseinrichtungen tätig.

Von links nach rechts: Margarethe Makovec, Johanna Hierzegger, Stephanie Sackl, Johanna Weihrich, Anastasiia Khlestova & Jake, Anton Lederer, Lara Almbauer (Photo von Office Ukraine Graz, März 2022)

Das Team des Office Ukraine Graz besteht aus Johanna Hierzegger, Anastasiia Khlestova, Stephanie Sackl und den beiden Leiter:innen Margarethe Makovec und Anton Lederer des Grazer Zentrums für zeitgenössische Kunst < rotor >, welches die Homebase für die Arbeit des Office Ukraine Graz darstellt.www.rotor.mur.at

Das »Office Ukraine. Shelter for Ukrainian Artists« ist in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, tranzit.at, < rotor > Zentrum für zeitgenössische Kunst, Künstlerhaus Büchsenhausen, springerin und anderen Initiativen entstanden. Wir arbeiten eng mit dem BMKÖS (Bundesministerium für Kunst, Kultur, Öffentlichen Dienst und Sport), tranzit.at, BMEIA (Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten), dem MuseumsQuartier Wien und FREIRAUM UKRAINE zusammen. Wir möchten uns außerdem bei allen Unterstützer:innen - Einzelpersonen, Institutionen und Initiativen - sehr herzlich für ihre Solidarität mit den ukrainischen Künstler:innen und Kulturschaffenden bedanken.

STATISTISCHE DATEN

Office WIEN

240 Anfragen
110 Künstler:innen in Wien

Office GRAZ

80 Anfragen
30 Künstler:innen in Graz

Office INNSBRUCK

60 Anfragen
29 Künstler:innen in Innsbruck